Prüfung · Dokumentation · Entwurf 2025-12

Erstprüfung nach dem Entwurf der DIN VDE 0100-600:
Was sich an der Dokumentation ändert

Im Dezember 2025 ist der Entwurf E DIN VDE 0100-600:2025-12 erschienen. Er verändert nicht, wie gemessen wird — aber deutlich, wie ausführlich dokumentiert werden soll. Dieser Ratgeber ordnet ein, was gegenüber der Ausgabe 2017 anders ist, wie ein Prüfprotokoll heute schon aufgebaut sein sollte und wie ein Prüfablauf damit aussieht. Alle Aussagen beziehen sich auf den Entwurf; der Weißdruck wird 2026 erwartet und kann davon abweichen.

Einordnung

Ein Entwurf ist noch keine Norm — aber ein deutliches Signal

Die DIN VDE 0100-600 beschreibt die Erstprüfung: Besichtigen, Erproben und Messen einer neuen, erweiterten oder geänderten Anlage, bevor sie in Betrieb geht. Gültig ist die Ausgabe vom Juni 2017. Mit dem Entwurf vom Dezember 2025 hat das zuständige Gremium eine überarbeitete Fassung zur öffentlichen Stellungnahme gestellt. Bis der Weißdruck erscheint — voraussichtlich im Laufe des Jahres 2026 — bleibt die Ausgabe 2017 maßgebend, und Einzelheiten des Entwurfs können sich noch ändern.

Warum sich die Beschäftigung mit dem Entwurf trotzdem lohnt: Die Richtung ist unmissverständlich. Die Dokumentation rückt von der Zusammenfassung zur Einzelaufzeichnung. Wer heute ein Protokoll anlegt, das je Stromkreis Messwerte, Sollwerte und Prüfgerät ausweist, erfüllt die Ausgabe 2017 ohnehin und muss beim Weißdruck nichts umbauen. Wer bei Sammelangaben und Haken bleibt, wird umstellen müssen.

Der zweite Grund ist praktisch: Nur ein Protokoll mit Einzelwerten macht bei der Wiederholungsprüfung eine Veränderung sichtbar — eine gestiegene Schleifenimpedanz, eine länger gewordene Auslösezeit. Ohne Ausgangswerte bleibt jede spätere Messung ohne Vergleich.

Was heute gilt

Ausgabe 2017-06 bleibt maßgebend

Verbindliche Grenzwerte, Prüfspannungen und Fristen entnehmen Sie Ihrer aktuellen Normausgabe und den Herstellerangaben. Dieser Ratgeber beschreibt Struktur und Dokumentation in eigenen Worten; er ersetzt weder die Norm noch die Bewertung durch die Elektrofachkraft.

Erscheint der Weißdruck, wird dieser Artikel angepasst.

Die Änderungen

Fünf Punkte, an denen der Entwurf die Dokumentation schärft

1. Einzelmesswerte je Stromkreis

Die Ausgabe 2017 ließ in der Praxis Spielraum, Messungen zusammengefasst zu dokumentieren — „Isolationswiderstand aller Stromkreise größer 1 MΩ“. Der Entwurf lässt erkennen, dass je Stromkreis der konkrete Wert erwartet wird: Durchgängigkeit des Schutzleiters in Ohm, Isolationswiderstand in Megaohm mit Prüfspannung, Schleifenimpedanz in Ohm mit dem daraus abgeleiteten Kurzschlussstrom. Ein Stromkreis, eine Zeile, alle Werte.

2. Auslösewerte der Fehlerstrom-Schutzeinrichtungen

Für jede Fehlerstrom-Schutzeinrichtung gehören Typ, Bemessungsdifferenzstrom, gemessener Auslösestrom und gemessene Auslösezeit ins Protokoll — nicht nur die Aussage, dass sie ausgelöst hat. Bei Ladepunkten und Wechselrichtern kommt die Angabe hinzu, wie Gleichfehlerströme erfasst werden: Typ B oder Typ A mit Gleichstrom-Fehlererkennung im Gerät.

3. Prüfgerätedaten und Kalibrierung

Ein Messwert ist nur so belastbar wie das Gerät, mit dem er entstand. Der Entwurf betont, dass Typ, Seriennummer und der Nachweis der regelmäßigen Kalibrierung des Prüfgeräts zur Dokumentation gehören. In der Praxis heißt das: Prüfgerät und Kalibrierdatum einmal in den Stammdaten pflegen und auf jedes Protokoll übernehmen.

4. Schutzpotentialausgleich als eigener Block

Der Potentialausgleich ist in vielen Protokollen ein einzelnes Kästchen. Der Entwurf verlangt mehr Klarheit darüber, welche fremden leitfähigen Teile angeschlossen sind — Wasser, Heizung, Gas, Stahlkonstruktion, Antenne, Blitzschutz — mit Leiterquerschnitt und gemessener Durchgängigkeit zur Haupterdungsschiene. Ebenso der Erder mit Art und Ausbreitungswiderstand, wo er zur Anlage gehört.

5. Klare Trennung von Erstprüfung und Wiederholungsprüfung

Die Erstprüfung nach DIN VDE 0100-600 belegt die ordnungsgemäße Errichtung; die Wiederholungsprüfung nach DIN VDE 0105-100 den Erhaltungszustand einer bestehenden Anlage. Beide haben andere Fragen, Fristen und Empfänger. Der Entwurf zieht die Linie deutlicher: Eine Erweiterung oder Änderung ist für den betroffenen Teil eine Erstprüfung — mit dem Nachweis, dass die bestehende Anlage die Erweiterung tragen kann. Ein Protokoll nennt deshalb als erste Angabe Prüfart und Prüfgrund und vermischt beides nicht in einem Formular.

Das Protokoll

Wie ein Prüfprotokoll heute aufgebaut sein sollte

Ein Protokoll, das beide Ausgaben trägt, folgt einem einfachen Grundsatz: Jede Zahl steht neben ihrem Sollwert, ihrer Quelle und ihrem Prüfgerät. Daraus ergibt sich diese Gliederung:

  • Kopf: Auftraggeber, Anlage und Anlagenteil, Netzform, Prüfart (Erstprüfung), Prüfgrund (Neuanlage, Erweiterung, Änderung), Umgebungsbedingungen, Datum, prüfende Person.
  • Prüfgerät: Typ, Seriennummer, Kalibrierdatum oder Datum der letzten Überprüfung — aus den Stammdaten, nicht jedes Mal neu getippt.
  • Besichtigung: Checkliste in eigenen Worten: Schutz gegen elektrischen Schlag, Brandschutz, Leitungsauswahl und Verlegung, Schutz- und Überwachungseinrichtungen, Kennzeichnung, Zugänglichkeit, Dokumentation der Anlage.
  • Messungen je Stromkreis: Nummer, Bezeichnung, Schutzorgan mit Nennstrom und Charakteristik, zugeordnete Fehlerstrom-Schutzeinrichtung, Leitungstyp und Querschnitt, Durchgängigkeit PE, Isolationswiderstand mit Prüfspannung, Schleifenimpedanz gemessen und zulässig, Drehfeld und Polarität wo relevant.
  • Fehlerstrom-Schutzeinrichtungen: Typ, Bemessungsdifferenzstrom, Auslösestrom, Auslösezeit, Prüftaste.
  • Potentialausgleich und Erder: angeschlossene Teile, Querschnitte, Durchgängigkeit; Erderart und Ausbreitungswiderstand.
  • Bewertung: Freitext der Elektrofachkraft, Mängel mit Priorität, Ergebnis der Prüfung, Unterschrift.

Plausibilität statt Urteil

Ein gutes Werkzeug vergleicht jeden Messwert mit dem Sollwert, den die prüfende Person aus ihrer Normausgabe oder der Herstellerangabe eingetragen hat, und markiert Abweichungen farbig als „Hinweis: prüfen“. Mehr sollte es nicht tun. Ob eine Schleifenimpedanz knapp über dem rechnerischen Grenzwert bei einem 40 m langen Stromkreis ein Mangel ist oder eine Messunsicherheit, entscheidet die Elektrofachkraft vor Ort — mit Kenntnis der Leitung, der Umgebungstemperatur und des Prüfgeräts. Ein Formular, das ein Gesamturteil automatisch erzeugt, nimmt ihr diese Entscheidung nicht ab, sondern verdeckt sie.

Werkzeug

Protokolle mit Einzelmesswerten je Stromkreis

Modul 3 des ElektroWorks Werkzeugkastens bildet die Erstprüfung in dieser Struktur ab: 200 Stromkreiszeilen mit allen Messwerten, RCD-Auslösewerte, Prüfgerät aus den Stammdaten, Potentialausgleich, getrennte Blätter für Wiederholungsprüfung, Wallbox und PV — Sollwerte als Eingabe, Abweichungen farbig, Bewertung als Freitext. Dazu ausfüllbare PDF-Formulare für die Baustelle.

Modul 3 ansehen →

Kostenlos: Stromkreisverzeichnis Light als Grundlage der Stromkreisliste und der Spannungsfall-Rechner.

Beispielablauf

Erstprüfung einer Wohnungsverteilung mit Wallbox

  1. Unterlagen sichten. Stromkreisverzeichnis, Stromlaufplan, Stücknachweis und Verlustleistungsnachweis des Verteilers, Datenblätter der Fehlerstrom-Schutzeinrichtungen und der Wallbox. Ohne Stromkreisverzeichnis fehlt die Zeilenstruktur des Protokolls.
  2. Besichtigen. Verteiler geöffnet: Betriebsmittel gegen Stückliste, Klemmstellen, Abdeckungen, Beschriftung, Schutzart. Anlage: Leitungsführung, Dosen, Potentialausgleichsschiene, Erdungsanschluss, Kennzeichnung des Ladepunkts.
  3. Spannungsfrei messen. Durchgängigkeit des Schutzleiters je Stromkreis und je angeschlossenem Teil des Potentialausgleichs — Wert in Ohm eintragen. Isolationswiderstand je Stromkreis mit der Prüfspannung, die für die Anlage gilt; empfindliche Geräte wie Überspannungsableiter und die Wallbox-Elektronik nach Herstellerangabe abklemmen oder überbrücken.
  4. Unter Spannung messen. Schleifenimpedanz je Stromkreis am entferntesten Punkt, Vergleich mit dem zulässigen Wert für das jeweilige Schutzorgan. Auslösestrom und Auslösezeit jeder Fehlerstrom-Schutzeinrichtung; am Ladepunkt zusätzlich die Funktion der Gleichstrom-Fehlererkennung nach Herstellerangabe und den Ladevorgang in den Zuständen A, B und C. Drehfeld am Herd- und Wallbox-Anschluss.
  5. Bewerten und dokumentieren. Jede Abweichung mit Ursache und Maßnahme aufführen. Ergebnis, Mängel, Nachprüfung. Unterschrift der prüfenden Person, Übergabe eines Exemplars an den Betreiber mit dem Hinweis auf die Wiederholungsprüfung.

Grenzwerte, Prüfspannungen und Auslösezeiten stehen bewusst nicht in diesem Ratgeber. Sie stammen aus Ihrer Normausgabe und den Herstellerangaben und werden in das Protokoll als Sollwerte eingetragen.

Häufige Fragen

Was Elektrofachkräfte zum Entwurf fragen

Gilt der Entwurf E DIN VDE 0100-600:2025-12 schon?

Nein. Ein Entwurf ist zur Stellungnahme veröffentlicht und kann sich bis zum Weißdruck noch ändern. Verbindlich bleibt die Ausgabe 2017-06, bis die Neuausgabe erscheint; der Weißdruck wird für 2026 erwartet. Wer sein Protokoll heute schon an der Struktur des Entwurfs ausrichtet, dokumentiert ausführlicher als gefordert und muss später nicht umstellen.

Muss ich bestehende Prüfprotokolle nachträglich ändern?

Nein. Ein Protokoll dokumentiert den Zustand der Anlage zum Zeitpunkt der Prüfung nach dem damals gültigen Stand. Neue Anforderungen an die Dokumentation gelten für Prüfungen, die nach dem Erscheinen der Neuausgabe durchgeführt werden.

Was unterscheidet die Erstprüfung von der Wiederholungsprüfung?

Die Erstprüfung nach DIN VDE 0100-600 findet vor der ersten Inbetriebnahme einer neuen, erweiterten oder geänderten Anlage statt und weist nach, dass die Errichtung den Anforderungen entspricht. Die Wiederholungsprüfung nach DIN VDE 0105-100 prüft eine bestehende Anlage in festgelegten Fristen auf ihren Erhaltungszustand. Beide Prüfungen haben eigene Protokolle; welche Prüfart vorliegt, gehört als erste Angabe in den Kopf.

Reicht beim Fehlerstrom-Schutzschalter der Eintrag „ausgelöst: ja“?

Als Beleg der Prüfung nicht. Dokumentiert werden sollten der gemessene Auslösestrom, die gemessene Auslösezeit bei Bemessungsdifferenzstrom, der Typ des Schutzschalters und sein Bemessungsdifferenzstrom sowie die Funktion der Prüftaste. Nur mit Zahlenwerten lässt sich bei der nächsten Prüfung eine Veränderung erkennen.

ElektroWorks Werkzeugkasten

Erstprüfung, Wiederholungsprüfung, Wallbox, PV und Übergabe in einer Arbeitsmappe

Modul 3 dokumentiert Einzelmesswerte je Stromkreis, RCD-Auslösewerte, Prüfgerät und Potentialausgleich in eigener Struktur — Plausibilität statt Urteil, ohne Normformblätter, ohne Makros.